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3.5.2008 | 20:00 | AZ Mülheim
FILMABEND UND DISKUSSION
Avec Bernd Reinink (Gruppe Slatan Dudow)

DER STUMME ZWANG
13 min, s/w, Deutschland 2008
Anna, eine junge Frau, wird am frühen Morgen von zwei Frauen aus dem Bett gerissen. Sie dringen in ihre Wohnung ein, durchstöbern ihre Sachen und mokieren sich über ihre Ahnungslosigkeit. Schließlich wird klar, daß sie Anna - wie wohl jeden Morgen - zur Arbeit "verhaften". Bei "Der stumme Zwang" handelt es sich um einen 16mm-Kurzfilm, der auf surreale, kafkaeske Weise allegorisch den internalisierten Zwang sichtbar zu machen sucht, der die Menschen zur Arbeit treibt.
Der Film wurde von der HFF "Konrad Wolf" und dem Berliner Filmkollektiv "Gruppe Slatan Dudow - Filme gegen Deutschland" produziert.


IN GIRUM IMUS NOCTE ET CONSUMIMUR IGNI
95 min, s/w, Frankreich 1978, Französisch mit deutschen Untertiteln.
"Ich werde in diesem Film keinerlei Konzessionen an das Publikum machen." So beginnt der sechste und letzte Film, den Guy Debord entworfen und gedreht hat. Er hebt an mit der Beschreibung des Kinos und seines Publikums, das des Abends in der Hoffnung ausgeht, nichts über sein schmachvolles Leben zu erfahren. Den lateinischen Titel des Films kann man etwa folgendermaßen übersetzen: Wir irren des Nachts im Kreise und werden vom Feuer verzehrt. Dies mag sich auf Glühwürmchen, Käfer oder auch darauf beziehen, dass die Menschen bis heute noch keinen Ausweg aus ihrer selbst verschuldeten Knechtschaft gefunden haben. Darum geht es zumindest in diesem Film sowie um das Spektakel und vor allem geht es in dem Film um Guy Debord: "So ziehe ich es also vor, anstatt tausenden x-beliebigen Filmen noch einen weiteren hinzuzufügen, hier darzustellen, warum ich nichts dergleichen mache. Das läuft darauf hinaus, die nichtigen Abenteuer, die der Film [und das Kino] erzählt, durch die Untersuchung eines wichtigen Themas zu ersetzen: nämlich meiner selbst." Es ist seine verfilmte Autobiografie, in der er in knappen, prägnanten Worten seinen Blick auf die Welt skizziert und die verschiedenen Stufen seines Lebens präsentiert. Die ersten Jahre in dunklen Bars in Saint-Germain-des-Près werden genannt, in denen er mit kleinen Verbrechern nächtelang trank und begann, Pläne für den gänzlichen Umsturz der Ordnung zu schmieden. Dann spricht er über die Gründung einer internationalen (situationistischen) Verschwörung gegen Urbanismus und Eigentum und zur bewussten Schaffung von Ausnahmesituationen - in einem Moment, "wo beinahe alle glaubten, daß die heutige Niedertracht - in ihrer bürgerlichen oder bürokratischen Ausprägung - die schönste Zukunft hätte." Alles musste auf die Unruhen im Mai 1968 in Frankreich hinauslaufen und folglich sprich er von Revolten, Krieg und der Aufgabe der Avantgarde. Und schließlich geht es darum, wie er seine Rolle nach der Auflösung der Situationistischen Internationale einschätzt. "Nein, für mich, das sehe ich sehr deutlich, gibt es keine Ruhe; vor allem, weil mir niemand den Gefallen tut, zu glauben, daß mir in dieser Welt nichts gelungen sei. Glücklicherweise kann auch niemand behaupten, ich hätte dort Erfolg gehabt. Man muß also zugeben, daß es für Guy Debord und seine unmäßigen Prätentionen weder Erfolg noch Misserfolg gab." Guy Debord hat jeden Kompromiss mit der herrschenden Ordnung verachtet und hat nie für Lohn gearbeitet.


Related Links
>> az-muelheim.de
>> GruppeSlatanDudow.de

Neuerscheinung
›Deutschlandwunder – Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur‹

Seit 1945 sind kulturindustriellen Medien Austragungsort der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Die Fokussierung auf die deutsche Bevölkerung als Opfer im derzeitigen Boom von Büchern und Filmen, die sich mit dem Alltag im NS beschäftigen, ist kein neues Phänomen. Aktuell ist aber der Entwurf eines historischen Selbstverständnisses einer nach 1989 entstandenen nationalen Identität, die Auschwitz in die (Re-)Inszenierungen der deutschen Erinnerungsarbeit integriert. Die Berliner Republik ist zu einer Erzählgemeinschaft geworden, in der jeder „Zeitzeuge“ und jede „Zeitzeugin“ seinen bzw. ihren Platz hat. Egal ob jüdisches Opfer, sowjetischer Soldat oder deutsche Trümmerfrau, im neuen deutschen Erinnerungsdiskurs hat sich längst durchgesetzt, dass jede Erfahrung subjektiv und jedes Leid gleichwertig ist.
Diese Tendenz korrespondiert mit einer stärkeren Öffnung von Jugend- und Populärkultur hin zu nationalen und historischen Themen. In der Musik, im Computerspiel oder im Hörspiel werden jene Geschichtsbilder mitverhandelt, die auch auf der Kinoleinwand und im Fernsehen zu bewundern sind. Auf der medialen Bühne der nationalen Inszenierung hat die dritte Tätergeneration einen privilegierten Platz: Die neue Unbefangenheit im Umgang mit der Geschichte, in der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der eigenen Großeltern, der Wunsch, bei der Weltmeisterschaft auch einmal unbeschwert „Schwarz-Rot-Geil“ zu sein, macht diese Generation zum Protagonisten eines neuen postnazistischen Nationalgefühls, das in jener Kultur entstand und sich aus dieser entwickelte, die nach 1945 wesentliche Elemente des nationalsozialistischen Bewusstseins, Strukturen der Entwirklichung, des Antisemitismus und des autoritären Charakters in die demokratische bzw. sozialistische Nachkriegsgesellschaft überführte.
Deutschlandwunder – Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur untersucht die Bedeutung von Familie, Generation, Geschlecht, das Verhältnis von Individuum und Masse, von Antisemitismus und Opferdiskurs in Literatur, bildende Kunst, Popmusik, Hörspiel, Film und Computerspiel von den 50er Jahren bis in die Gegenwart.

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>> Abstracts der Texte
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